Die aktuellen Buchempfehlungen unsers Teams:

Agnes Krup

Mit der Flut
544 Seiten, Euro 22,00

Rezension von Alexa Michopoulos

Die Geschichte eines Deutschen, der 1927 nach New York auswandert und einer jungen Frau, die er dort bei der Arbeit kennenlernt. Eigentlich steht die Hochzeit an, aber sein großer Traum ist es Medizin zu studieren. Seine Mutter, die sein Studium finanziert, lockt ihn 1937 nach Deutschland zurück. Man ahnt es bereits: der Krieg kommt dazwischen, das Paar sieht sich zehn Jahre nicht und während sie den Kontakt durch Briefe aufrecht erhält, meldet er sich nicht ein einziges Mal.

Ich stehe normalerweise gar nicht auf Liebesgeschichten, aber das Buch liest sich herrlich. Die Personen sind realistisch gezeichnet und teilweis auch nicht sehr sympathisch. Die Geschichte spinnt sich bis in die 60er Jahre weiter und entwickelt überraschende familäre Entwicklungen. Vorlage des Romans war das Leben des Großonkels der Autorin.

Takis Würger

Der Club
240 Seiten, Euro 22,00

Hans kommt aus einfachen Verhältnissen und wächst als Vollwaise in einem Internat auf. Seine einzige Verwandte holt ihn nach Abschluss der Schule nach Cambridge. Es soll dort in ihrem Auftrag ein Verbrechen aufklären. Um was es genau geht, bleibt ihm unklar. Als guter Boxer erhält er Zugang zum elitären Pitt-Club, nicht ohne die Hilfe von Charlotte einem Mädchen aus gutem Hause, die ihn mit den ungeschriebenen Codes der britischen Obersicht vertraut macht. Im Bewusstsein seiner Mission kämpft Hans um seinen moralischen Kompass, denn der Sog der Schönen, Reichen und Mächtigen ist nicht zu unterschätzen.

Auf nur 240 Seiten entfaltet Takis Würger einen eigenen Kosmos aus Snobismus, Gewalt, sozialem Druck und Kontrollverlust, das ist gewagt – gelingt aber gut.

Lydia Conradi

Das Haus der Granatäpfel
672 Seiten, Euro 22,00

1912 – Izmir heißt noch Smyrna ist ist eine offene multikulturelle Stadt in der Moslems, Griechen, Armenier und Juden neben und miteinander leben. Für Klara aus Berlin ist es ein exotischer Sehnsuchtsort, den sie als junge Ehefrau eines griechischen Kaufhausbesitzers betritt. Die Familie gehört zur Haute Volé der Stadt, doch man ist sich untereinander nicht immer grün.

Vor den zeitgeschichtlichen Hintergründen des 1. Weltkriegs, dem Genozid am armenischen Volk, dem Untergang des Osmanischen Reiches und der Gründung der modernen Türkei unter Kemal Atatürk, entfaltet sich eine bunte Palette von Irrungen und Wirrungen, wahrer und versteckter Liebe, Verrat und Leidenschaft. Für Fans von historischen Romane, hält die Autorin ein gutes Niveau und man bedauert zutiefst, dass das alte Smyrna 1922 endgültig in Flammen aufging und die Levante ihr Herz verlor.

Anna-Laure Bondoux, Jean-Claude Mourleveit

Lügen Sie, und ich werde Ihnen glauben
253 Seiten, Euro 22,00

Rezension von Silvia Karmanski

Pierre-Marie, renommierter Schriftsteller mit momentaner Schreibblockade, ist genervt – schon wieder ein großes braunes Kuvert, in dem ihm ein ambitionierter Fan ein Manuskript zwecks Beurteilung zu schicken scheint. Das kann er derzeit überhaupt nicht gebrauchen – also wird er per Mail höflich um die fehlende Anschrift bitten und den Kuvert schnellstmöglich wieder zurücksenden. Doch diesmal liegt er falsch, sowohl den Inhalt als auch den Absender betreffend…

Der Umschlag ist vielmehr der Auslöser für die nun entstehende E-Mail-Korrespondenz zwischen Adeline, der Absenderin, und Pierre-Marie. Was als höflicher Austausch beginnt, entpuppt sich sehr schnell für beide als „wahres Geschenk“. Adeline katapultiert sich mit ihrer erfrischenden und lebendigen Art sofort in den Kopf und das Herz von Pierre-Marie, und beiden gibt die sich rasant entwickelnde „Beziehung aus schwarzen Buchstaben“, wie sie selbst ihre Verbindung nennen, Halt in ihrem ganz chaotischen Gefühlskosmos. Zwischen den beiden entsteht „in bewährter Briefroman-Manier“ ein Spiel aus Nähe und Distanz, eine Spannung zwischen Wissen und Nicht-Wissen und ein Vertrauen, das umso intensiver wird, je klarer die Grenzen definiert bleiben.

Lügen Sie, und ich werde Ihnen glauben…“ – diese Phrase ist so mehrdeutig wie allgegenwärtig in dieser Geschichte. Wir Leser ahnen schnell, dass die Dinge nicht ganz so sind, wie sie scheinen – und werden nicht enttäuscht!

Die zeitgemäße Adaption des klassischen Briefromans ist den beiden Autoren Anne-Laure Bondoux und Jean-Claude Mourleveit prima gelungen. Die Geschichte ist kurzweilig und kommt leicht daher, und die Protagonisten werden bereits auf den ersten Seiten zu „sympathischen Gefährten auf Zeit“. Das haben Bondoux und Mourleveit richtig toll gemacht. Auch den Zeitpunkt, um aus der Geschichte wieder auszusteigen, die Wendungen und Zeitraffer sind genau richtig gesetzt – wodurch aus einer relativ absehbaren Handlung ein durch und durch kurzweiliger kleiner Ausflug wird, der einfach Spaß macht.

Tom Coraghessan Boyle

Die Terranauten
603 Seiten, Euro 26,00

Die Terranauten, das sind vier weibliche und vier männliche Teilnehmer von „Mission 2“, eines zweijährigen Versuchs in einem künstlich geschaffenen Kosmos zu leben, ohne das einer der Teilnehmer herausgeht, oder ein anderer hereinkommt.
Da „Mission 1“ aufgrund einer verletzten Teilnehmerin abgebrochen werden musste, wird durch eine intensive Vorauswahl eine Gruppe zusammengestellt, die durch Abdeckung aller Themen (Technik, Ökologie, Tierhaltung, Medizin) einen möglichst reibungslosen Ablauf in der Ökologie des geschlossenen Raums garantieren soll.
Die ausgewählten Teilnehmer schätzen sich überglücklich, wird doch das Projekt medienwirksam begleitet und schon bei ihrer Vorstellung dürfen sie sich wie Popstars feiern lassen.
In einer Welt mit fünf Biomen (Regenwald, Savanne, Wüste, Meer und Marsch) gibt es zwei Bereiche für die Crew: den Wohnbereich und die Anbauzone. Nach dem Einschluss werden sie in ihrer abgeschlossenen Welt für ihre Nahrung durch Pflanzenanbau und Nutztierhaltung selbst verantwortlich sein. Das ganze wird überwacht von Kameras der Außenzentrale, die auch telefonisch tägliche Berichte erwartet. Vor der Außenhaut, einer riesigen Glaskuppel, drängen sich Besuchergruppen und Kamerateams um die Probanden bei ihren Verrichtungen zu beobachten.

Der Leser ahnt früh, dass nach der ersten Euphorie irgendwann die Langeweile einsetzen wird, die Gemeinschaft auch nerven kann, die Eintönigkeit der knappen Kalorien zu Überdruss führt und das die Zusammensetzung der Geschlechter in unausweichlichen Verwicklungen münden wird.
Erzähler sind zwei der Testpersonen und eine Aktivistin, die nicht ausgewählt wurde.

Mit seiner typischen Liebe zum Detail lässt TC Boyle den Aufbau dieser „Kunstwelt“ durchaus plausibel und machbar erscheinen. Dem Autor gelingt es, dass man sich immer wieder fragt, wie würde ich in dieser Situation handeln bzw., würde ich an so einem Projekt überhaupt teilnehmen?

Die noch wichtigere Frage: Kann sich die Menschheit nach einem ökologischen Gau der Erde in irgendeine Kunstwelt retten, ist das dann noch lebenswert? Die Frage ist für mich eindeutig beantwortet.

Ein tolles Buch, spannend, aktuell und gut geschrieben.

Cover: Katie Kitamura, Die Trennung

Katie Kitamura

Die Trennung
253 Seiten, Euro 22,00

Obwohl schon seit Monaten getrennt von ihrem Ehemann lebend, reist die namenlose Ich-Erzählerin auf Drängen ihrer Schwiegermutter nach Griechenland, um ihren notorisch untreuen Mann zu suchen. Nach anfänglichem Warten auf den verschwunden Noch-Mann in einem „Flitterwochen-Hotel“ und der Frage, was seine Recherchen zu griechischen Trauerritualen mit seiner aktuellen Lebenssituation zu tun haben, wächst sich das, was anfangs nur ein Verschweigen ist, nämlich die anstehende Scheidung, im Laufe der Geschichte zu einem undurchdringlichen Lügengespinst aus. Spielt man die Rolle, die von einem erwartet wird oder ist Abschiednehmen doch mehr als eine rationale Trennung von Tisch und Bett?

Die grandiose Kulisse der kargen unwirtlichen Landschaft der südlichen Mani, noch dazu von Waldbränden verwüstet, spiegeln eindrucksvoll das Innenleben der Protagonisten wider. Die Erwartungen an ein Blau-weißes-gute-Laune-Griechenland-Buch werden sicher enttäuscht. Man nimmt teil, am gnadenlose Scheitern einer Beziehung.

Jean-Philippe Blondel Die Liebeserklärung

Jean-Philippe Blondel

Die Liebeserklärung
160 Seiten, Euro 18,00

Die Franzosen haben es einfach drauf in puncto Liebesroman! Aber ganz so einfach macht es uns Jean-Philippe Blondel nicht.

Trotz aller klischeebeladenen Hochzeitsfeierlichkeiten und Liebesschwüre, die der junge Corentin als Hochzeitsfilmer in den Kasten bringt, geht es hier eher um eine schwierige Entscheidung des jungen Mannes – soll er sein Leben weiterhin als Archivar anderer definieren oder doch lieber Hauptperson seines Schicksals werden? Klingt kompliziert? Ist es aber nicht! Im Gegenteil: Komisch, warmherzig und ja, auch etwas kitschig darf es gerne sein in diesem französischen Sommerroman.

Cover Rolinb, Meteorologe

Oliver Rolin

Der Meteorologe
224 Seiten, Euro 19,90 / Büchergilden-Preis: 17,95 Euro

1934 wird Alexei Wangenheim, der Gründer und erste Leiter des sowjetischen Wetterdienstes, wegen eines absurden Spionageverdachtes verhaftet und in ein Lager auf die Solowezki-Inseln im Weißen Meer deportiert. Etwa vier Jahre wird er dort bleiben, seine Unschuld beteuern und unzählige Briefe schreiben: an viele offizielle Stellen, auch direkt an Stalin, vor allem aber an seine Tochter Eleonora, die bei seiner Festnahme knapp vier Jahre alt ist. Diese Briefe sind wunderbar illustriert mit zarten Aquarellen und Zeichnungen von Tieren, Pflanzen, Alltagsbeobachtungen, er ist ein liebender Vater, der versucht, über die Distanz hinweg im Leben seines „kleinen Sterns“ präsent zu bleiben.

Viele Jahre später hat seine Tochter die Briefe ihres Vaters in einem Album reproduzieren lassen. Dieses Dokument eines liebevollen Gedenkens sah der französische Schriftsteller Olivier Rolin 2012 bei einem Besuch der Klosterfestung auf den Solowezki-Inseln. Er war von der Lektüre der Briefe so ergriffen, dass er beschloss, das Leben Wangenheims und sein grausames Schicksal so genau wie möglich zu rekonstruieren. Das Ergebnis ist dieses zugleich zarte und anrührende, aber auch faktenreiche Buch. Eine sehr bewegende und für zeitgeschichtlich Interessierte hochspannende Lektüre!

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