Die aktuellen Buchempfehlungen unsers Teams:

Anna-Laure Bondoux, Jean-Claude Mourleveit

Lügen Sie, und ich werde Ihnen glauben
253 Seiten, Euro 22,00

Rezension von Silvia Karmanski, Wiesbaden im Juni 2017

Pierre-Marie, renommierter Schriftsteller mit momentaner Schreibblockade, ist genervt – schon wieder ein großes braunes Kuvert, in dem ihm ein ambitionierter Fan ein Manuskript zwecks Beurteilung zu schicken scheint. Das kann er derzeit überhaupt nicht gebrauchen – also wird er per Mail höflich um die fehlende Anschrift bitten und den Kuvert schnellstmöglich wieder zurücksenden. Doch diesmal liegt er falsch, sowohl den Inhalt als auch den Absender betreffend…

Der Umschlag ist vielmehr der Auslöser für die nun entstehende E-Mail-Korrespondenz zwischen Adeline, der Absenderin, und Pierre-Marie. Was als höflicher Austausch beginnt, entpuppt sich sehr schnell für beide als „wahres Geschenk“. Adeline katapultiert sich mit ihrer erfrischenden und lebendigen Art sofort in den Kopf und das Herz von Pierre-Marie, und beiden gibt die sich rasant entwickelnde „Beziehung aus schwarzen Buchstaben“, wie sie selbst ihre Verbindung nennen, Halt in ihrem ganz chaotischen Gefühlskosmos. Zwischen den beiden entsteht „in bewährter Briefroman-Manier“ ein Spiel aus Nähe und Distanz, eine Spannung zwischen Wissen und Nicht-Wissen und ein Vertrauen, das umso intensiver wird, je klarer die Grenzen definiert bleiben.

Lügen Sie, und ich werde Ihnen glauben…“ – diese Phrase ist so mehrdeutig wie allgegenwärtig in dieser Geschichte. Wir Leser ahnen schnell, dass die Dinge nicht ganz so sind, wie sie scheinen – und werden nicht enttäuscht!

Die zeitgemäße Adaption des klassischen Briefromans ist den beiden Autoren Anne-Laure Bondoux und Jean-Claude Mourleveit prima gelungen. Die Geschichte ist kurzweilig und kommt leicht daher, und die Protagonisten werden bereits auf den ersten Seiten zu „sympathischen Gefährten auf Zeit“. Das haben Bondoux und Mourleveit richtig toll gemacht. Auch den Zeitpunkt, um aus der Geschichte wieder auszusteigen, die Wendungen und Zeitraffer sind genau richtig gesetzt – wodurch aus einer relativ absehbaren Handlung ein durch und durch kurzweiliger kleiner Ausflug wird, der einfach Spaß macht.

Tom Coraghessan Boyle

Die Terranauten
603 Seiten, Euro 26,00

Die Terranauten, das sind vier weibliche und vier männliche Teilnehmer von „Mission 2“, eines zweijährigen Versuchs in einem künstlich geschaffenen Kosmos zu leben, ohne das einer der Teilnehmer herausgeht, oder ein anderer hereinkommt.
Da „Mission 1“ aufgrund einer verletzten Teilnehmerin abgebrochen werden musste, wird durch eine intensive Vorauswahl eine Gruppe zusammengestellt, die durch Abdeckung aller Themen (Technik, Ökologie, Tierhaltung, Medizin) einen möglichst reibungslosen Ablauf in der Ökologie des geschlossenen Raums garantieren soll.
Die ausgewählten Teilnehmer schätzen sich überglücklich, wird doch das Projekt medienwirksam begleitet und schon bei ihrer Vorstellung dürfen sie sich wie Popstars feiern lassen.
In einer Welt mit fünf Biomen (Regenwald, Savanne, Wüste, Meer und Marsch) gibt es zwei Bereiche für die Crew: den Wohnbereich und die Anbauzone. Nach dem Einschluss werden sie in ihrer abgeschlossenen Welt für ihre Nahrung durch Pflanzenanbau und Nutztierhaltung selbst verantwortlich sein. Das ganze wird überwacht von Kameras der Außenzentrale, die auch telefonisch tägliche Berichte erwartet. Vor der Außenhaut, einer riesigen Glaskuppel, drängen sich Besuchergruppen und Kamerateams um die Probanden bei ihren Verrichtungen zu beobachten.

Der Leser ahnt früh, dass nach der ersten Euphorie irgendwann die Langeweile einsetzen wird, die Gemeinschaft auch nerven kann, die Eintönigkeit der knappen Kalorien zu Überdruss führt und das die Zusammensetzung der Geschlechter in unausweichlichen Verwicklungen münden wird.
Erzähler sind zwei der Testpersonen und eine Aktivistin, die nicht ausgewählt wurde.

Mit seiner typischen Liebe zum Detail lässt TC Boyle den Aufbau dieser „Kunstwelt“ durchaus plausibel und machbar erscheinen. Dem Autor gelingt es, dass man sich immer wieder fragt, wie würde ich in dieser Situation handeln bzw., würde ich an so einem Projekt überhaupt teilnehmen?

Die noch wichtigere Frage: Kann sich die Menschheit nach einem ökologischen Gau der Erde in irgendeine Kunstwelt retten, ist das dann noch lebenswert? Die Frage ist für mich eindeutig beantwortet.

Ein tolles Buch, spannend, aktuell und gut geschrieben.

Cover: Katie Kitamura, Die Trennung

Katie Kitamura

Die Trennung
253 Seiten, Euro 22,00

Obwohl schon seit Monaten getrennt von ihrem Ehemann lebend, reist die namenlose Ich-Erzählerin auf Drängen ihrer Schwiegermutter nach Griechenland, um ihren notorisch untreuen Mann zu suchen. Nach anfänglichem Warten auf den verschwunden Noch-Mann in einem „Flitterwochen-Hotel“ und der Frage, was seine Recherchen zu griechischen Trauerritualen mit seiner aktuellen Lebenssituation zu tun haben, wächst sich das, was anfangs nur ein Verschweigen ist, nämlich die anstehende Scheidung, im Laufe der Geschichte zu einem undurchdringlichen Lügengespinst aus. Spielt man die Rolle, die von einem erwartet wird oder ist Abschiednehmen doch mehr als eine rationale Trennung von Tisch und Bett?

Die grandiose Kulisse der kargen unwirtlichen Landschaft der südlichen Mani, noch dazu von Waldbränden verwüstet, spiegeln eindrucksvoll das Innenleben der Protagonisten wider. Die Erwartungen an ein Blau-weißes-gute-Laune-Griechenland-Buch werden sicher enttäuscht. Man nimmt teil, am gnadenlose Scheitern einer Beziehung.

Jean-Philippe Blondel Die Liebeserklärung

Jean-Philippe Blondel

Die Liebeserklärung
160 Seiten, Euro 18,00

Die Franzosen haben es einfach drauf in puncto Liebesroman! Aber ganz so einfach macht es uns Jean-Philippe Blondel nicht.

Trotz aller klischeebeladenen Hochzeitsfeierlichkeiten und Liebesschwüre, die der junge Corentin als Hochzeitsfilmer in den Kasten bringt, geht es hier eher um eine schwierige Entscheidung des jungen Mannes – soll er sein Leben weiterhin als Archivar anderer definieren oder doch lieber Hauptperson seines Schicksals werden? Klingt kompliziert? Ist es aber nicht! Im Gegenteil: Komisch, warmherzig und ja, auch etwas kitschig darf es gerne sein in diesem französischen Sommerroman.

Cover Rolinb, Meteorologe

Oliver Rolin

Der Meteorologe
224 Seiten, Euro 19,90 / Büchergilden-Preis: 17,95 Euro

1934 wird Alexei Wangenheim, der Gründer und erste Leiter des sowjetischen Wetterdienstes, wegen eines absurden Spionageverdachtes verhaftet und in ein Lager auf die Solowezki-Inseln im Weißen Meer deportiert. Etwa vier Jahre wird er dort bleiben, seine Unschuld beteuern und unzählige Briefe schreiben: an viele offizielle Stellen, auch direkt an Stalin, vor allem aber an seine Tochter Eleonora, die bei seiner Festnahme knapp vier Jahre alt ist. Diese Briefe sind wunderbar illustriert mit zarten Aquarellen und Zeichnungen von Tieren, Pflanzen, Alltagsbeobachtungen, er ist ein liebender Vater, der versucht, über die Distanz hinweg im Leben seines „kleinen Sterns“ präsent zu bleiben.

Viele Jahre später hat seine Tochter die Briefe ihres Vaters in einem Album reproduzieren lassen. Dieses Dokument eines liebevollen Gedenkens sah der französische Schriftsteller Olivier Rolin 2012 bei einem Besuch der Klosterfestung auf den Solowezki-Inseln. Er war von der Lektüre der Briefe so ergriffen, dass er beschloss, das Leben Wangenheims und sein grausames Schicksal so genau wie möglich zu rekonstruieren. Das Ergebnis ist dieses zugleich zarte und anrührende, aber auch faktenreiche Buch. Eine sehr bewegende und für zeitgeschichtlich Interessierte hochspannende Lektüre!

Cover Bergmann Weinhebers Cover

Ian McEwan

Nussschale
265 Seiten, Euro 22,00

Noch ungeboren, aber schon ein Naseweis und Neunmalklug. Der namen- und geschlechtslose Embryo bemerkt ein Komplott, das auf das Leben seines Vaters abzielt. Kann es eingreifen, die Tat verhindern? Ein Kammerspiel aus einer ganz ungewohnten Perspektive und man fragt sich anfangs, ob das funktionieren kann? Es funktioniert und das ganz vorzüglich, ein echtes Lesevergnügen.

Und das man damit auch eine weitere Hamlet-Interpretation in den Händen hält, wir einem erst nach und nach bewusst. Chapeau, Herr McEwan!

Cover Bergmann Weinhebers Cover

Michel Bergmann

Weinhebers Koffer
Euro 17,00

Auf der Suche nach einem individuellen Geburtstagsgeschenk für seine Liebste findet der Icherzähler bei einem Berliner Trödler einen alten, guterhalten Koffer. Im Inneren eine Visitenkarte, die den vorherigen Besitzer ausweist.

Auf den Spuren des vergessenen Schriftstellers Leonard Weinheber begibt er sich auf Spurensuche, nach Tel Aviv und Jerusalem, findet noch Zeitzeugen und Fragmente eines unvollendeten Lebens. Neben dem historischen Drama um Ausgrenzung, Berufsverbot und Exil, nimmt der aktuelle Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern einen Großteil der Erzählung ein. Es wird mit harten Argumenten diskutiert und auch, unter Freunden, fast unversöhnlich gestritten.

Dieses schmale Bändchen von gerade mal 140 Seiten hat mich tief beeindruckt. Michel Bergmann gelingt es die Balance zwischen herzzerreißenden jüdischen Schicksalen und den Kuriositäten normaler Lebenswirklichkeiten zu halten.

 

Cover Capus, Reisen im Licht der Sterne

Jane Gardam

Eine treue Frau
Euro 21,90

Der zweiter Teil der Trilogie über das Leben von Edward (Old Filth) und Elisabeth (Betty) Feathers, schildert das lange Eheleben konsequent aus der Sicht von Betty.

Ähnlich wie ihr Mann, ist sie ein typisches Produkt britischer Expads, in Shanghai geboren und der chinesischen Kultur und Sprache mehr verbunden als ihren schottischen Wurzeln. Als ihr Edward einen mehr praktischen, als romantsichen Antrag macht, geht sie den Weg der Ende 40er Jahre für britsche Frauen vorgegeben scheint. Sie bleibt an der Seite ihres Mannes, der im Honkong Karriere macht, geht mit ihm „zurück“ nach England auf den Altersruhesitz. Alles soweit so spießig. Doch unter dem Deckmantel der britisch, unterkühlten Upperclass-Dame steckt eine anderes Leben, eine lebenslage Sehnsucht nach „mehr“ und eine geheime Leidenschaft.

Und wieder hat mich Jane Gardam umgehauen. Das es diese britsche Grandedame des untergegangen britschen Empires erst seit gut einem Jahr auf den deutsche Buchmarkt geschafft hat, ist wirklich kaum zu glauben. Mit Spannung erwarte ich den dritten Teil im Herbst 2016.

Cover Capus, Reisen im Licht der Sterne

Sandy Hall

Klar ist es Liebe
Euro 14,99

Alle wissen es: Gabe und Lea wären das perfekte Paar. Aber die beiden verpassen immer wieder den richtigen Moment – und kommen auch (fast) gar nicht zu Wort. Denn das eigentlich Witzige und Ungewöhnliche an diesem Buch ist, wer alles seinen Senf dazu gibt und wie: sein Bruder, ihre Mitbewohnerin, ein Eichhörnchen im Park, der Busfahrer, die Bedienung im Café, ein Mitstudent, der von ihnen und dem gemeinsam besuchten Seminar einfach nur angenervt ist …
Sicher nicht nobelpreisverdächtig, aber eine wunderbar amüsante (und natürlich romantische) Geschichte zum Abtauchen bis zum Happy-End!

Cover Capus, Reisen im Licht der Sterne

Alfred Hayes

In Love
Euro 15,95

Der Einstieg liest sich etwas sperrig, die Figuren und ihre Rollenbilder wirken zunächst leicht antiquiert, doch wenn man einmal eingetaucht ist ins Beziehungsdickicht dieser nostalgisch angehauchten Dreiecksgeschichte, nehmen einen zugleich der Charme wie auch die nüchterne Klarheit eines Schwarz-Weiß-Films gefangen.
Im Grunde ist es eine klassische Konstellation: Sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und ein Kind zu versorgen, und nun steht sie zwischen zwei Männern. Der eine ist langweilig, könnte ihr aber die ersehnte Sicherheit bieten, bei dem anderen fühlt sie sich lebendig, aber er will sich erst gar nicht, dann noch nicht, und schließlich zu spät festlegen. Aus den Trennungen und (misslingenden) Versöhnungen entspinnt sich ein ganz modernes Psychodrama, in dessen Verlauf die beteiligten Charaktere, ihre Verletzungen und Illusionen ausgelotet werden. Und wenn schließlich alle Motive enthüllt sind – wo bleibt dann die Liebe?
Nach der Lektüre verwundert es gar nicht, dass der in London geborene Romancier Alfred Hayes (1911–1985) auch ein sehr erfolgreicher Drehbuchautor für Film und Fernsehen war.

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