Die aktuellen Buchempfehlungen unsers Teams:

Mick Herron

Slow Horses
Ein Fall für Jackson Lamb
471 Seiten, Euro 24,00

River Cartwright hat es ordentlich vergeigt! Bei der Abschlussprüfung zum Außendienst, sprengt er fast einen U-Bahnhof in die Luft. Die Konsequenz: Versetzung ins Slough House, an die Londoner Peripherie. Dort fristet er mit den anderen „lahmen Gäulen“ eine trostlose Existenz, bis sich die uncoolen Außenseiter des britschen Geheimdienstes mit ihrem misantrophischen Chef Jackson Lamb zusammenraufen müssen, um einen Fall zu lösen und ihre eigene Reputation wiederherzustellen. 

Lange habe ich nicht mehr einen so furiosen Start einer neuen Krimi-Reihe gelesen. Hier passt wirklich alles zusammen: schräge Gestalten, die alle ihr Päckchen zu tragen haben, eine politische Interige um Macht und Einfluss und ein schüchterner parkistanischer Komiker, der Opfer einer Entführung wird. Oder etwa nicht? Trauen Sie niemanden!

Francesca Melandri

Alle, außer mir
603 Seiten, Euro 26,00

Was weiß man tatsächlich von seiner eignen Familengeschichte? Wieviel davon sind immer wieder erzählte Episoden und was wird systematisch ausgebelndet? Der Römerin Ilaria wird das schmerzhaft bewusst als plötzlich ein junger Eritreeer vor ihrer Tür sitzt und behauptet, er sei ihr Neffe. Das Leben ihres hochbetagten, dementen Vaters erscheint in einem völlig neuen Licht. Was trieb den jungen Mann in den 30er Jahren in Mussolinis kriegerischem Gefolge nach Afrika? Kann man ein Doppelleben wirklich ein ganzes Leben lang erfolgreich verdrängen?

Diese Buch wirft ein Menge Fragen auf und macht deutlich, dass die Kolonialgeschichte Italiens blutiger und komplexer war, als die erfolgreiche Einführung der Esspressomaschine in Asmara.

Arno Geiger

Unter der Drachenwand
480 Seiten, Euro 26,00

Rezension von Wiebke Ignatz

Ende 1944: Der junge Soldat Veit Kolbe kehrt verwundet und komplett desillusioniert nach Wien zurück. Als er die Durchhalteparolen seiner Familie nicht mehr erträgt, fährt er an den Mondsee. Dort wird ihm zunehmend klar, dass er Dinge gesehen und getan hat, die ihn nicht mehr loslassen werden. Auch die Menschen, denen er dort begegnet, tragen schwer an ihren Geheimnissen, helfen ihm aber letztlich, eine neue Perspektive für sein Leben zu gewinnen.

Erzählt in einer Sprache, die in die Zeit zurückführt, vielschichtig und biographisch packend. Beim Lesen musste ich immer wieder an meinen Großvater denken.

 

Takis Würger

Der Club
240 Seiten, Euro 22,00

Hans kommt aus einfachen Verhältnissen und wächst als Vollwaise in einem Internat auf. Seine einzige Verwandte holt ihn nach Abschluss der Schule nach Cambridge. Es soll dort in ihrem Auftrag ein Verbrechen aufklären. Um was es genau geht, bleibt ihm unklar. Als guter Boxer erhält er Zugang zum elitären Pitt-Club, nicht ohne die Hilfe von Charlotte einem Mädchen aus gutem Hause, die ihn mit den ungeschriebenen Codes der britischen Obersicht vertraut macht. Im Bewusstsein seiner Mission kämpft Hans um seinen moralischen Kompass, denn der Sog der Schönen, Reichen und Mächtigen ist nicht zu unterschätzen.

Auf nur 240 Seiten entfaltet Takis Würger einen eigenen Kosmos aus Snobismus, Gewalt, sozialem Druck und Kontrollverlust, das ist gewagt – gelingt aber gut.

Lydia Conradi

Das Haus der Granatäpfel
672 Seiten, Euro 22,00

1912 – Izmir heißt noch Smyrna ist ist eine offene multikulturelle Stadt in der Moslems, Griechen, Armenier und Juden neben und miteinander leben. Für Klara aus Berlin ist es ein exotischer Sehnsuchtsort, den sie als junge Ehefrau eines griechischen Kaufhausbesitzers betritt. Die Familie gehört zur Haute Volé der Stadt, doch man ist sich untereinander nicht immer grün.

Vor den zeitgeschichtlichen Hintergründen des 1. Weltkriegs, dem Genozid am armenischen Volk, dem Untergang des Osmanischen Reiches und der Gründung der modernen Türkei unter Kemal Atatürk, entfaltet sich eine bunte Palette von Irrungen und Wirrungen, wahrer und versteckter Liebe, Verrat und Leidenschaft. Für Fans von historischen Romane, hält die Autorin ein gutes Niveau und man bedauert zutiefst, dass das alte Smyrna 1922 endgültig in Flammen aufging und die Levante ihr Herz verlor.

Tom Coraghessan Boyle

Die Terranauten
603 Seiten, Euro 26,00

Die Terranauten, das sind vier weibliche und vier männliche Teilnehmer von „Mission 2“, eines zweijährigen Versuchs in einem künstlich geschaffenen Kosmos zu leben, ohne das einer der Teilnehmer herausgeht, oder ein anderer hereinkommt.
Da „Mission 1“ aufgrund einer verletzten Teilnehmerin abgebrochen werden musste, wird durch eine intensive Vorauswahl eine Gruppe zusammengestellt, die durch Abdeckung aller Themen (Technik, Ökologie, Tierhaltung, Medizin) einen möglichst reibungslosen Ablauf in der Ökologie des geschlossenen Raums garantieren soll.
Die ausgewählten Teilnehmer schätzen sich überglücklich, wird doch das Projekt medienwirksam begleitet und schon bei ihrer Vorstellung dürfen sie sich wie Popstars feiern lassen.
In einer Welt mit fünf Biomen (Regenwald, Savanne, Wüste, Meer und Marsch) gibt es zwei Bereiche für die Crew: den Wohnbereich und die Anbauzone. Nach dem Einschluss werden sie in ihrer abgeschlossenen Welt für ihre Nahrung durch Pflanzenanbau und Nutztierhaltung selbst verantwortlich sein. Das ganze wird überwacht von Kameras der Außenzentrale, die auch telefonisch tägliche Berichte erwartet. Vor der Außenhaut, einer riesigen Glaskuppel, drängen sich Besuchergruppen und Kamerateams um die Probanden bei ihren Verrichtungen zu beobachten.

Der Leser ahnt früh, dass nach der ersten Euphorie irgendwann die Langeweile einsetzen wird, die Gemeinschaft auch nerven kann, die Eintönigkeit der knappen Kalorien zu Überdruss führt und das die Zusammensetzung der Geschlechter in unausweichlichen Verwicklungen münden wird.
Erzähler sind zwei der Testpersonen und eine Aktivistin, die nicht ausgewählt wurde.

Mit seiner typischen Liebe zum Detail lässt TC Boyle den Aufbau dieser „Kunstwelt“ durchaus plausibel und machbar erscheinen. Dem Autor gelingt es, dass man sich immer wieder fragt, wie würde ich in dieser Situation handeln bzw., würde ich an so einem Projekt überhaupt teilnehmen?

Die noch wichtigere Frage: Kann sich die Menschheit nach einem ökologischen Gau der Erde in irgendeine Kunstwelt retten, ist das dann noch lebenswert? Die Frage ist für mich eindeutig beantwortet.

Ein tolles Buch, spannend, aktuell und gut geschrieben.

Cover: Katie Kitamura, Die Trennung

Katie Kitamura

Die Trennung
253 Seiten, Euro 22,00

Obwohl schon seit Monaten getrennt von ihrem Ehemann lebend, reist die namenlose Ich-Erzählerin auf Drängen ihrer Schwiegermutter nach Griechenland, um ihren notorisch untreuen Mann zu suchen. Nach anfänglichem Warten auf den verschwunden Noch-Mann in einem „Flitterwochen-Hotel“ und der Frage, was seine Recherchen zu griechischen Trauerritualen mit seiner aktuellen Lebenssituation zu tun haben, wächst sich das, was anfangs nur ein Verschweigen ist, nämlich die anstehende Scheidung, im Laufe der Geschichte zu einem undurchdringlichen Lügengespinst aus. Spielt man die Rolle, die von einem erwartet wird oder ist Abschiednehmen doch mehr als eine rationale Trennung von Tisch und Bett?

Die grandiose Kulisse der kargen unwirtlichen Landschaft der südlichen Mani, noch dazu von Waldbränden verwüstet, spiegeln eindrucksvoll das Innenleben der Protagonisten wider. Die Erwartungen an ein Blau-weißes-gute-Laune-Griechenland-Buch werden sicher enttäuscht. Man nimmt teil, am gnadenlose Scheitern einer Beziehung.

Jean-Philippe Blondel Die Liebeserklärung

Jean-Philippe Blondel

Die Liebeserklärung
160 Seiten, Euro 18,00

Die Franzosen haben es einfach drauf in puncto Liebesroman! Aber ganz so einfach macht es uns Jean-Philippe Blondel nicht.

Trotz aller klischeebeladenen Hochzeitsfeierlichkeiten und Liebesschwüre, die der junge Corentin als Hochzeitsfilmer in den Kasten bringt, geht es hier eher um eine schwierige Entscheidung des jungen Mannes – soll er sein Leben weiterhin als Archivar anderer definieren oder doch lieber Hauptperson seines Schicksals werden? Klingt kompliziert? Ist es aber nicht! Im Gegenteil: Komisch, warmherzig und ja, auch etwas kitschig darf es gerne sein in diesem französischen Sommerroman.

Cover Rolinb, Meteorologe

Oliver Rolin

Der Meteorologe
224 Seiten, Euro 19,90 / Büchergilden-Preis: 17,95 Euro

1934 wird Alexei Wangenheim, der Gründer und erste Leiter des sowjetischen Wetterdienstes, wegen eines absurden Spionageverdachtes verhaftet und in ein Lager auf die Solowezki-Inseln im Weißen Meer deportiert. Etwa vier Jahre wird er dort bleiben, seine Unschuld beteuern und unzählige Briefe schreiben: an viele offizielle Stellen, auch direkt an Stalin, vor allem aber an seine Tochter Eleonora, die bei seiner Festnahme knapp vier Jahre alt ist. Diese Briefe sind wunderbar illustriert mit zarten Aquarellen und Zeichnungen von Tieren, Pflanzen, Alltagsbeobachtungen, er ist ein liebender Vater, der versucht, über die Distanz hinweg im Leben seines „kleinen Sterns“ präsent zu bleiben.

Viele Jahre später hat seine Tochter die Briefe ihres Vaters in einem Album reproduzieren lassen. Dieses Dokument eines liebevollen Gedenkens sah der französische Schriftsteller Olivier Rolin 2012 bei einem Besuch der Klosterfestung auf den Solowezki-Inseln. Er war von der Lektüre der Briefe so ergriffen, dass er beschloss, das Leben Wangenheims und sein grausames Schicksal so genau wie möglich zu rekonstruieren. Das Ergebnis ist dieses zugleich zarte und anrührende, aber auch faktenreiche Buch. Eine sehr bewegende und für zeitgeschichtlich Interessierte hochspannende Lektüre!